„Aaalso, Goaparties sin scho d Anarchie!“

Vor kurzem war ich in Zürich an einer Goaparty. Normalerweise ist in dieser Location ein sehr normales Publikum anwesend, um Konzerte zu hören. Nicht ganz normal war allerdings das Publikum, als ich morgens um sechs Uhr nach der Arbeit dort ankam. Mit drei Bier intus und ein bisschen mitrauchen war ich einigermassen nüchtern. So wie etwa zehn Prozent der Anwesenden. Die anderen 90 Prozent waren irgendwo zwischen gut angeballert und einer substanzinduzierten Psychose.

Ein Begleiter, der sonst Stammgast in Ichbinägeiläsiech-Schuppen wie Club Q und Supermarket ist, bemerkte trocken, dass seine Freundin hier nach zwei Minuten keinen Bock mehr hätte. Glaube ich sofort. Ein normaler Mensch findet sich ja schon im normalen Clubbing nicht zurecht, weil er nicht weiss, was er und die anderen da eigentlich genau machen. Aber an Goaparties gelten nochmals ganz andere Massstäbe.

Das ungeübte Auge wird auf dem Weg zur Toilette vielleicht feststellen, dass es da so komische Menschenklumpen gibt, die mit dem Rücken zum Gang stehen, als ob sie etwas verstecken wollten. Fragt sich vielleicht, wieso einige Leute eine irgendwie komische Motorik und Gestik zeigen. Wieso auf die Toiletten oft keine Einzelpersonen, sondern Gruppen von zwei bis fünf Leuten, Männer und Frauen zusammen, gehen. Und warum überall Kleidungsstücke und Menschen herumliegen.

Wer sich schon etwas tiefer mit der Materie befassen durfte und ein geschärftes Ohr und Auge hat, nimmt zusätzlich während eines Pisscalls folgendes wahr: fünf Mal das Wort Speed; zwei Mal das Wort Cola; das verräterische Geräusch von verschnupften Nasen; die Treppen sind belegt mit abhängenden Personen, die übelstes Gesichtstheater zur Schau stellen; die Gespräche sind laut und teilweise ziemlich planlos; in hohlen Händen wechseln Minigrips und Geld den Besitzer; auf horizontalen Ablagen liegen gefaltete Flyer mit Pulverrückständen; Leute gehen mit der einen Hand zum Mund, um danach mit der anderen einen Schluck aus ihrem Becher zu nehmen; die glimmenden Stengel haben meist keinen braunen Filter, sondern sind konisch und riechen süsslich und schwer.

Zumindest was die Verfügbarkeit von Drogen angeht, sind Goaparties gelebte Anarchie. Anything goes, everything available, everybody mashed for good. Weed, Speed, Ecstasy, Koks, Trips, GHB/GBL und natürlich Alkohol sind ohne grössere Probleme erhältlich. Und wer ernsthaft sucht, der findet auch Shrooms, Crystal, Benzos, Tryptamine, Opiate und weiteres. Solange man mit seinen Kollegen nicht wie ein Zivi aussieht. Allerdings könnte ich tatsächlich einer sein, und da ich keine Zwerge und Kinder als Freunde habe, kommen die Goaner öfter mal auf die Idee, wir seien Bullen auf Jagd. Wenn dann allerdings meine Hüften und Schultern in Bewegung kommen, verfliegt diese Idee recht schnell. Und die Gesichtsausdrücke der anderen wechseln von misstrauisch zu freundlich.

Eingefleischte Goaner preisen den Spirit ihrer Parties, der so anders sei als an anderen Events. Und dass dies eben nicht an den Drogen läge, sondern dass die Goaszene eine Subkultur sei, welche die Gemeinschaft hochhalte. I call bullshit on that! Drogen sind DAS konstitutive Element der Goaszene. Allerdings gilt das eigentlich für die ganze elektronische Musikkultur, von Cüpli-House mal abgesehen. Und man kann das ja auch einfach mal hinnehmen, ohne es werten zu müssen.

Weiter oben habe ich geschrieben, dass Goaparties zumindest in Bezug auf die Verfügbarkeit von Drogen gelebte Anarchie sind. Viel gravierender als die Verfügbarkeit ist jedoch die Wirkung von Drogen. Drogen verändern die Denkweise und die Stimmung. Und da der Mensch ein soziales Wesen ist und aus Beobachtung lernt, können sich solche Stimmungen auch auf nichtkonsumierende Personen übertragen. Jeder spricht mit jedem (Enthemmung) und die Musik lässt sich einen verlieren (Auflösung des Egos). Aber gleichzeitig spürt man eine persönliche Bindung zu den anderen (Einfühlvermögen) und ist bereit, mit ihnen Gemeinsamkeit zu zelebrieren (Aufhebung sozialer Grenzen). Sonst akzeptierte und verinnerlichte Weltbilder und Wertvorstellungen werden umgedeutet oder nicht akzeptiert. Goaparties haben gerade durch die Präsenz und den Konsum illegaler Substanzen anarchistische Züge. Sehr viel Freiheit, sehr wenig Regeln.

In der praktischen Umsetzung zeigt sich dies umso stärker, je weiter die Uhr schon fortgeschritten ist. Als wir einige Stunden später den Floor verliessen, um kurz später ans Tageslicht zu treten und uns über den öffentlichen Verkehr, die pfeifenden Vögel und die zwei uniformierten Polizisten zu freuen, schauten wir die Partygäste an, das Licht, die Dekorationen, den Abfall und Siff, das Gekotzte mit dem Bier am Boden, nahmen die Stimmung auf und realisierten: Goaparty ist Anarchie.

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3 Antworten zu “„Aaalso, Goaparties sin scho d Anarchie!“”

  1. Sunflower sagt:

    Hey Tian,

    Einige deiner Beobachtungen kann ich durchaus bestätigen, es wird kräftig gefeiert an Goaparties!

    Aber unsere Parties werden in deine Blog schon zu sehr als Drogenparties herabgewürdigt. Deine Behauptung das 90 Prozent der Anwesenden auf Drogen war ist mehr als kühn und unglaubwürdig. Ich bewege mich seit 7 Jahren regelmässig in dieser Szene und kenne sehr viele Leute die mit Drogen absolut nichts am Hut haben!!! Trotz meiner Nüchternheit an Parties (oder vielleicht gerade deswegen), bin ich immer am tanzen bis etwa gegen Mittag. Mit nüchtern meine ich wirklich nüchtern, also trinke ich meistens kein Tropfen Alkohol und kiffe auch nicht, zudem bin ich strikte Nichtraucherin!!!

    Ausserdem ist eine Goaparty im Volkshaus wohl der schlechteste Platz um den Spirit einer Goaparty spüren zu können, um den Spirit fühlen zu könne wäre eine kleine Party in den Bergen viel angebrachter. Allgemein an den meisten Indoorparties und insbesonders an Goaparties in Zürich, gehen viele Leute die sonst nicht an solchen Parties anzutreffen sind, sehr viele leider auch zum mal bequem die Sau mit Drogen rauslassen zu können. Dieses Verhalten und solche Blogeinträge wie deiner malen ein negatives Bild unserer Szene was wirklich bedauernswert ist!!! Wahr ist allerdings, dass ziemlich offen mit Drogen umgegangen wird, es wird niemand verurteilt der was konsumiert und normalerweise wird jeder so akzeptiert wie er ist. Der offenen Umgang miteinander hat nicht viel mit Drogen zu tun, sondern mit der Offenheit und Akzeptanz die gelebt wird an Goaparties. Ich finde es toll an Parties so schnell Zugang zu anderen Menschen zu haben, diskutieren zu können und zusammen zu feiern. Oft werde ich mit Vorurteilen konfrontiert, zum Beispiel das ich wahrscheinlich auf Drogen abgestürzt wäre, sonst würde ich mich ja nicht in solchen Kreisen bewegen. Um solchen Vorurteilen Gegensteuer zu geben, organisieren wir in unserem Freundeskreis regelmässig Parties die ausdrücklich ohne jegliche Substanzen gefeiert werden!!! Siehe da die Leute tanzen an unseren Parties bis gegen Mittag alle sind offen und freundlich zueinander und das ohne jegliche Drogen!!!

  2. gamma sagt:

    und schon wieder. die virtuelle welt ist gelebte realsatire. diese nicknames sind einfach der brüller.

    qed

  3. Dog Quijote sagt:

    Liebe Sunflower, wenn du mir als strikte Nichtdrogenbenutzerin erzählen willst das die gelebte Offenheit an Goapartys ausschliesslich auf Gutmenschentum zurück zu führen ist, erinnert mich das an eine Jungfrau, die mir versucht zu erzählen Menschen hätten nur aus Liebe Sex mit einander.

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