Anarchie: 0, Kapitalismus: 1 – Nachtrag zum 1. Mai 2008 in Zürich

By tianswelt

Als Bewohner des Kreis 4 erträgt man schon so einiges. Kaputte Szenen, kaputte Menschen, kaputtes Leben. Manche wohnen in ihren schönen neugebauten Lofts und zelebrieren urbanen Lebensstil. Zumindest bis die Kinder ins Schulalter kommen, dann ziehen sie schnell weg, weil in die Ausländerklassen sollen die eigenen Kleinen dann also schon nicht müssen. Andere lassen sich auf den Kreis 4 hinter den schönen Neubauten und den hippen Clubs für Seefeld- und Agglobewohner ein und lernen neben dem schönen Schein auch die Abgründe kennen. Und dann gibt es im Chreis Cheib noch die Kategorie der Touristen. Jeweils am 1. Mai bevölkert ein spezielles Volk unseren Lebensraum. Wo sonst Junge auf der Suche nach Koks und Ficken sind und Ältere auf der Suche nach Ficken und Saufen, sind an diesem Datum sensationslüsterne Hohlbratzen auf der Strasse, auf der Suche nach dem grossen Kick oder zumindest dem Gefühl, sich mal so richtig gegen das System auflehnen zu können. Wer schon öfters mit Menschen in emotionalen Ausnahmezuständen zu tun hatte, wird genau das erkennen. Hyperaktives Rumgehample, hirnlose Gruppendynamik, hochkochende Emotionen. Das Ganze verteilt auf ganz viele kleine, armselige, nichts sinnvolles leistende Menschen, die sich wichtig fühlen und sich aufspielen, als ob sie irgend etwas Gehaltvolles zu sagen hätten. Die Masse ist Sender und Publikum zugleich. Nur fehlt leider die Botschaft. Ich wollte mich dem ganzen Theater fernhalten, aber leider kam das Theater auch dieses Jahr wieder zu mir. Und dessen Schauspieler mit ihren Fratzen und ihrem Selbsthass und der Unsicherheit dem Leben gegenüber. Zwei Tage später dann war ich den ganzen Tag an der Bahnhofstrasse unterwegs. Ich sah ruhige, anständige und geschäftige Menschen. Jeder und jede schien Teil eines Ganzen zu sein, das mehr ist als nur seine Einzelteile. Es war kein Hass und keine blinde Wut zu spüren, die Frühlingssonne schien, und so ging jeder seinen Weg, ohne die Wege der anderen stören zu müssen. Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Ich ziehe es vor, mein eigenes Saatgut auszuwählen und es gezielter und zu einem besseren Zeitpunkt in die Ackerfurche zu streuen.

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