„Die Szene“ – Ein Konstrukt zur Ausgrenzung Andersdenkender und zur Aufwertung seiner Selbst. Am Beispiel des Nachtlebens von Zürich

By tianswelt

Zuerst mal ein bisschen Hintergundinformation: Ich war an der Eröffnung der Dachkantine anwesend, als diese noch einen kulturellen Anspruch hatte, der weit über den exzessiven Konsum psychoaktiver Substanzen zu lauter Bummbumm-Musik hinaus ging. Ich war regelmässig im Spidergalaxy unterwegs, ebenfalls lange bevor dieser Club begann, in den Medien als Hort einer Parallelwelt reflektiert zu werden. Zuvor war ich war aktiver Mitstreiter in verschiedene Szenen, lange bevor diese zum Massenphänomen wurden. Hiphop seit Mitte der 80er Jahre, Goaparties und DnB Mitte der 90er Jahre und Ragga seit 2000, um nur einige Beispiele zu nennen. Kurz, ich durfte nicht nur den einen oder anderen Einblick in so genannte Szenen haben, sondern war Teil davon. Und all diese Szenen hatten einen subkulturellen, von Pop- und Massenkultur abgegrenzten Anspruch.

In der Zwischenzeit können mich die so genannten Szenis alle am Arsch lecken. Einige Gründe:

- Szene wird als Konstrukt zur Ausgrenzung anderer und zur Egowichserei benutzt. Man kann sich in einer desintegrierten Welt nun doch irgendwo zugehörig fühlen, und ist natürlich viel progressiver, unabhängiger, fortschrittlicher, ja weiter als der ganze Rest. Auch wenn man ein stierer, langweiliger, uninteressanter Agglo-/Seefeld-/Kreis 3-Bewohner ist.

- Szenenzugehörigkeit wird als Individualismus missverstanden. Wenn an einer Minimalparty alle gleich angezogen durch die Gegend rennen mit ihren gleichen Dreckssonnenbrillen, sich gleich bewegen, die gleichen Drogen fressen, bei den gleichen Tracks lauthals rumschreien, sich gleich bewegen, dann ist das Gleichschaltung, nicht Individualismus. Eigentlich sollten alle die gleichen schwarzen Overalls tragen, mit einer Aufschrift auf der Brust: „Individualist!“. Sehr glaubwürdig. Nur weil alle anderen Scheisse fressen, muss ich das auch tun?

- Szenis sind bemitleidenswert in ihrem Selbstbetrug. Das selbe Phänomen wie bei Tattoos: Alle erzählen, sie hätten das aus gaaaaanz anderen Gründen als all die anderen gemacht, sie hätten das schon vor allen anderen gehabt, und sowieso. Bullshit! Man rennt einem Trend nach wie der Lemming seiner Gruppe. Kein Stück besser als zum Beispiel irgend ein Tokio Hotel-Fan.

- Es gibt keine Szene ausserhalb der eigenen Wahrnehmung. Es gibt Dutzende, Hunderte, ja Tausende Szenen, selbst innerhalb des Bereichs der elektronischen Musikveranstaltungen in einer Kleinstadt wie Zürich. Es gibt nicht DIE Szene, nur temporär und situativ eingenommene Rollen und Zusammenscharungen.

Die wirklich unabhängigen, individualistischen, kreativen, ja: guten Menschen, die ich bisher kennen lernen durften, benötigten keine Selbstzuschreibung zu irgend einer pseudosubkulturellen Gruppierung. Man kann sie an Kunstaustellungen, an Motorradtreffen, in Bars, im Einkaufszentrum, überall treffen. Sie leben und lassen leben. Sie haben einen eigenen Stil, der nicht uniform ist. Sie wollen nicht sein, sondern sind. Sie richten nicht über andere, da sie damit beschäftigt sind, sich selbst weiter zu entwickeln. Sie kennen das Leben gut genug, um keine allgemein gültigen Regeln aufstellen zu wollen. Solche Menschen sind wahre Nonkonformisten – und nie ziehen sie auffällige Kleider an, verkünden keine Postulate, wollen ihre Meinung nicht als Gebot sehen. So möchte ich leben und sein – frei genug, um mich innerlich und äusserlich nicht assimilieren und selbst betrügen zu müssen. Ach, wenn mein Leben doch nur nicht im Konjunktiv verlaufen würde!

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5 Antworten zu “„Die Szene“ – Ein Konstrukt zur Ausgrenzung Andersdenkender und zur Aufwertung seiner Selbst. Am Beispiel des Nachtlebens von Zürich”

  1. gamma sagt:

    für einmal bin ich der grösste konformist der welt. nix zu nörgeln und viel zu bestätigen. zudem fühl ich mich am rande eines abschnittes doch ein wenig zitiert. grossartig das.

    erhöh doch bitte deine schreibkadenz ein wenig, ist immer ein latenight-vergnügen, wenn alle pseudovirtuellen szenen für mich ausgelutscht sind…

    bei der nächsten wahl panachier ich dich so was von rein. oder trinke zumindest ein panaché auf dich.

    stay rude – stay rebel

  2. Dog Quijote sagt:

    Die Szene ist Gottesersatz. Get a god, you dog.

  3. Dog Quijote sagt:

    Ich hoffe du weisst, dass ein Kommentar oder Erlebnisbericht zur diesjährigen Streetparade innig erwartet wird.

  4. gamma sagt:

    da wird der gute blogist wohl selbst ne portion zu verstrichen gewesen sein…

  5. tianswelt sagt:

    http://tianswelt.wordpress.com/2008/08/16/street-parade-2008-zurich/

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